Was hat Sie in die kleine Stadt 29 Palms in der
kalifornischen Wüste geführt, der Ort ist schließlich ziemlich weit
weg von Bailleul, wo Sie Ihre ersten Filme gedreht haben?
Ich hatte Lust, mich woanders umzusehen, zu einem Abenteuer
aufzubrechen. Das war nicht leicht, denn ich komme aus
Nordfrankreich, die Gegend dort hat mir ermöglicht, zwei Filme zu
machen und es schien nur folgerichtig, dass ich diesen Weg
weitergehe. Aber ich empfand das Bedürfnis, den Ort zu wechseln, die
Bestandteile, die Farben... Da der Einfluss des amerikanischen Kinos
auf das Publikum ein Phänomen ist, das mich wegen seiner weltweiten
Wirkung sehr interessiert, begann ich ein Projekt mit dem Titel "The
End", das die typischen Personen, Zeichen und Landschaften des
amerikanischen Films aufgreift. Als ich dann in Kalifornien auf
Motivsuche ging, war ich regelrecht geschockt. Die Wüste von Joshua
Tree in der Nähe von Twentynine Palms hat mich wirklich fasziniert.
Ich blieb einige Tage da und habe nach meiner Rückkehr in nur zwei
Wochen Twentynine Palms geschrieben, obwohl ich normalerweise gut
zwei Jahre an einem Drehbuch arbeite.
Welches Gefühl genau hat die Wüste bei Ihnen ausgelöst?
Angst. In Europa leben wir in sehr begrenzten Dimensionen, unsere Art zu denken kommt daher. In den Vereinigten Staaten sind die
Dimensionen so gewaltig, dass sie bei einem Europäer einen Schock
auslösen und total überraschende Gefühle wecken.
Angstgefühle, die von dieser Weite kommen. Gleichzeitig hat die
Wüste eine meditative Ausstrahlung, die mich interessierte, ohne
dass ich deshalb einen meditativen Film machen möchte, sondern
vielmehr einen Film, in dem es um Energie und Gewalt geht.
Twentynine Palms ist eher aus diesem Gefühl der Angst heraus
entstanden, einer abstrakten Angst, weil es keinen Grund gibt, Angst
zu haben. Deshalb hat der Film eine Spannung, die auf Banalität
beruht.
Der Eindruck, angesichts eines außerordentlichen Horrorpotenzials in
Gefahr zu sein, kam zu meinem Wunsch hinzu, etwas Experimentelles zu
machen, mit Gefühlen zu spielen, um den Zuschauer aufzurütteln, ohne
dabei eine besondere Botschaft vermitteln zu wollen. Ich hatte schon
seit langem bemerkt, vor allem bei der Montage, dass man selbst mit
nichts immer etwas macht, dass Szenen nicht unbedingt eine
Geschichte brauchen.
"Twentynine Palms" ist also eine Art experimenteller Horrorfilm...
Ja, insoweit die Erzeugung von Horror und Spannung ein Experiment
ist, ausgehend von einer grundlegenden Situation, die beim Publikum
die Erwartung erzeugt, dass etwas passieren wird. Plötzlich schien
es mir unnötig, Dialog- und Erklärungsszenen zu schreiben oder gar
die Gründe von Streitszenen zu zeigen. Das wäre überflüssig gewesen.
Ich musste nur die Wüste filmen und einen Schauspieler auftreten
lassen, damit der Film weitergeht.