Alles im Fluss, alles im Überfluss - Gedanken von Doris Dörrie
Ich glaube, dass es uns alle bedrückt, auch wenn wir so tun, als würde es uns nicht bedrücken. Aber ich glaube, dass es uns im Innersten tief bedrückt, dass wir dermaßen im Überfluss leben und drei Viertel der Anderen gar nichts haben - so ist ungefähr die Verteilung. Ein Viertel, das sind wir in der westlichen Welt; drei Viertel sind die Anderen, die nichts haben. Und ich glaube, dass wir alle das im Hinterkopf doch sehr genau wissen, und das wir damit auch nicht sehr glücklich sind.
Dass wir so wahnsinnig verschwenderisch sind, dass wir so irrsinnig viel haben, dass wir auch überhaupt keine Achtung oder keinen Respekt mehr vor dem haben, was wir haben. Es geht mir selber so: Also ich bin schon immer der Meinung beim Filmemachen oder auch beim Schreiben, dass ich von mir ausgehen muss. Also ich kann nicht einfach nur immer über etwas reden, was ich gar nicht kenne oder womit ich auch nichts zu tun habe.
Es bedrückt mich selber, dass ich eigentlich gelernt habe, dass man Brot nicht wegschmeißt, aber dass ich natürlich Brot wegschmeiße, weil es alt oder hart geworden ist; weil ich nicht aufgepasst habe, weil es schimmlig geworden ist; weil es wieder keiner gegesssen hat; weil ich mich verkalkuliert habe. Und dann schmeiß´ ich Brot weg, und ich schmeiß´auch andere Lebensmittel weg. Wenn man den Kühlschrank ausmistet, ist man ja immer wieder erschrocken, was da alles so kaputt gegangen ist, was offensichtlich Überfluss ist.
Da wieder so ein Maß zu finden, auch über meinen eigenen Kühlschrank hinaus, das finde ich wichtig, und das ist auch absolut fällig. Es ist unglaublich kompliziert, eine gerechtere, bessere Verteilung zu finden. Das werde ich nicht lösen können, das werden wir hier zusammen nicht lösen können. Aber was wir, glaub´ ich, lösen können, ist, ganz allein, privat in unserem engen, kleinen Häuschen in der Küche, das ist eine andere Haltung.