Wie war Ihre Reaktion, als Matthias Glasner Sie zum ersten Mal mit der Idee konfrontierte, die Geschichte eines Vergewaltigers zu erzählen?
Wir sind beide auf der Suche nach Stoffen und Figuren, die mit Abgründen des Menschseins, mit existentiellen Fragen zu tun haben. Mit Leben und Tod und der Sehnsucht nach beidem. Manchmal kreisen unsere Gespräche um solche Phantasien, um das, was tief in uns verborgen liegt und dann doch mit aller Gewalt an die Oberfläche drängt. Als wir uns dem "Freien Willen" näherten, lag uns nichts ferner als ein Film über einen Menschen, der schlimme Dinge tut. Wir wollten nicht schocken, sondern erkunden, welche Tragödien sich
hinter der scheinbaren Normalität unseres Lebens abspielen können.
Wie haben Sie sich Ihrer Figur genähert? Gab es Gespräche mit Männern, die vergewaltigt haben?
Wir sprachen vor allem mit Psychologen und Psychiatern. Wir waren z.B. in der Geschlossenen Abteilung des Berliner Maßregelvollzugs und haben uns mit Tätern unterhalten. Ich habe drei Männer getroffen, die mir aus ihrem Leben und von ihren Gefühlen erzählten. Einiges aus ihren Berichten ist dann, wenn auch nicht direkt, in meine Figur eingeflossen.
Der Film hat zwei sehr harte Vergewaltigungsszenen. Was bedeutete es für Sie, sich darauf einzulassen?
Als wir am Drehbuch arbeiteten, wurde uns klar, dass wir nicht darum herum kommen. Wenn es um die inneren Kämpfe eines Mannes geht, der Frauen vergewaltigt und davon nicht loskommt, kann man die Tat nicht einfach nur behaupten. Niemand sollte sich leicht mit diesem Theo identifizieren können; die Nähe zu dieser Figur sollte nicht von vornherein gegeben sein. Jeder sollte sehen, was er getan hatte, aber die Zuschauer sollen trotz seines Verbrechens Zeit mit ihm verbringen und dabei entdecken, was ein solcher innerer Zwang
aus einem Menschen macht. Jeder muss seinen eigenen Weg zu diesem Theo finden. Oder auch nicht finden: Tatsache ist ja, dass er ein Täter bleibt. Hätten wir einen ganzen Film lang nur gezeigt, wie jemand an seinen inneren Zwängen leidet, wäre daraus schnell eine Mitleid heischende Opfergeschichte geworden. Das wollten wir nun überhaupt nicht. Auch deshalb hätte ich den Film ohne die Vergewaltigungsszenen als verharmlosend und unehrlich empfunden.
Konnten Sie sich mit Theo von einem gewissen Punkt an dentifizieren?
Ja, ich denke, sein Grunderlebnis ist das der Einsamkeit und der Isolation. Viele Menschen kennen das, und hier kann ich in die Figur einsteigen.
Plädiert der Film dafür, Menschen, die eine solche Veranlagung haben wir Theo Stoehr, wegzusperren?
Der Film plädiert für gar nichts. Wir erzählen die Geschichte eines Menschen, die man auf keinen Fall verallgemeinern soll. Gerade aufgrund der langwierigen Recherche ist mir bewusst geworden, dass es nicht den einen Täter und auch nicht das eine Pauschalurteil
darüber gibt. Wir müssen uns mit dem Problem auseinandersetzen. Das ist unsere Aufgabe als Gesellschaft. Wir müssen so etwas wie den Maßregelvollzug zur Verfügung stellen, das ist wichtig. Wir erfahren über die Boulevardpresse nur das, was nicht funktioniert hat. Wir
erfahren nie, wo es funktioniert hat. Damit will ich nichts analisieren. Es gibt jedes Jahr ungefähr die gleiche Zahl an Sexualmorden in Deutschland, das sind um die zwanzig. Jeder dieser Morde ist einer zuviel, so wie jede Vergewaltigung eine zuviel ist. Das alles dürfte nicht sein. Es ist aber so. Und wir setzen uns damit auseinander. Es würde sich ja nichts daran ändern, wenn wir keine Filme darüber machen. So wie sich nichts daran ändert, wenn
wir Filme darüber machen. Aber beschäftigen müssen wir uns damit, und zwar auf einer anderen Ebene als nur über eine Boulevardschlagzeile, die den in unserer Gesellschaft herrschenden Voyeurismus schamlos bedient. Deshalb auch unsere Entscheidung, keinen spekulativen Thriller zu drehen, sondern die Möglichkeit zu eröffnen, Zeit mit einer zerrissenen Figur zu verbringen.