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Der Freie Wille

Deutschland, 2006
Kriminal-Drama, 163 Minuten, FSK: 16

Originaltitel
Der Freie Wille

Kino-Start
24.08.2006

Regie
Matthias Glasner

Darsteller
Jürgen Vogel (Theo), Sabine Timoteo (Nettie), Manfred Zapatka (Netties Vater), Maya Bothe (Sybille), Frank Wickermann (Michael)
Der Freie Wille - Kinoplakat
Matthias Glasner (Regie) und Jürgen Vogel (Hauptdarsteller) - die Macher von "Der freie Wille" - nennen ihren Film selbst ein "hautnahes Drama, provokativ und radikal". Tatsache ist jedenfalls, dass an an drastischen Szenen und überdeutlichen Bildern nicht gespart wurde, die dennoch gewiss keinen Voyeurismus aufkommen lassen.

Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo, "After Effect", "Die Vogelpredigt", "Gespenster") ist ihr ganzes Leben lang von ihrem Vater (Manfred Zapatka, "Falscher Bekenner", "Elefantenherz") psychisch misshandelt worden. Erst jetzt - im Alter von 27 Jahren - gelingt es ihr langsam sich von ihrem Vater zu lösen.

Durch Zufall lernt Netti Theo Stoer (Jürgen Vogel, "TKKG", "Emmas Glück", "Rosenstraße") kennen: Theo hat die letzten neun Jahre im Maßregelvollzug wegen mehrfacher Vergewaltigung verbracht. Nun gilt er als geheilt, doch das ist er bei weitem nicht: Er hat panische Angst vor Frauen und ist doch voll unerfüllter Sehnsüchte.

Trotz aller Hindernisse entwickelt sich zwischen Netti und Theo allmählich eine tiefe Liebesbeziehung. Sind ihre Gefühle nur das Vorspiel zu einer neuerlichen Katastrophe oder die einzige Lösung des Problems?



Film-Inhalt  


Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo)
Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo)


  Film-Kritik


Begegnung: Theo Stoer (Jügren Vogel) und Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo)
Begegnung: Theo Stoer (Jügren Vogel) und Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo)

Wieviel archaischer Trieb steckt in uns, und wieviel freien Willen können wir dagegen setzen? Wieweit vermag das Freudsche "Ich" das "Es" im Zaume im zu halten? Und wie sieht im Innerern von Menschen aus, denen dies so ganz und gar nicht gelungen ist? Fragen, die "Der freie Wille" eher stellt als beantwortet.

Die überaus drastischen Bilder verleihen dem Film Realismus und dürften nicht wenige Zuschauer in eine schockähnlichen Zustand versetzen. Die damit verbundenen emotionalen Reaktionen zwingen den Betrachter zur Reflexion. Ob eben dieses nun als gelungenes oder eher plumpes Stilmittel einzuschätzen ist, bleibt jedem selbst überlassen. Soweit es um das Aufzeigen der seelischen Konflikte der Hauptprotagonisten geht, wäre an manchen Stellen weniger vielleicht mehr gewesen. Der Kritik hat es dennoch gefallen:

Jürgen Vogel wurde für seine Gesamtleistung als Hauptdarsteller, Ko-Autor und Ko-Produzent auf der Berlinale 2006 mit dem "Silbernen Bären" ausgzeichnet. Für die Rolle des Theo Stoer gewann er auch den Preis als Bester Schauspieler auf dem New Yorker Tribeca Filmfestival 2006.

Matthias Glasner erhielt den Regiepreis der Gilde deutscher Filmkunsttheater.



Regisseur Matthias Glasner und Hauptdarsteller Jürgen Vogel, die gemeinsam die Produktionsfirma schwarzweiss filmproduktion besitzen, verfolgten das Projekt schon seit 1999, nachdem Glasner auf einen Zeitschriftenartikel über verschiedenen Therapieansätze für Sexualstraftäter im Maßregelvollzug gestoßen war.

Nachdem der WDR die Finanzierung des Drehbuches zugesagt hatte, recherchierten sie zusammen mit Autorin Judith Angerbauer drei Jahre lang im Berliner Maßregelvollzug, sprachen mit Therapeuten, Sozialarbeitern und nicht zuletzt auch mit den Tätern selbst.

Nach mehreren Produktionsunterbrechungen, Drehbuchänderungen und Denkpausen - unter anderem dem alles andere als einfach zu verarbeitenden Stoff geschuldet - begannen die Dreharbeiten im Herbst 2004. Gedreht wurde u.a. in Mülheim an der Ruhr, Berlin, an der Ostsee und in Belgien. Zur Finanzierung des Films trugen u.a. WDR/Arte, die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und das Filmboard Berin-Brandenburg bei.



Hintergrund  


Liebe? Netti (Sabine Timoteo) und Theo (Jürgen Vogel)
Liebe? Netti (Sabine Timoteo) und Theo (Jürgen Vogel)

  Info: Maßregelvollzug


Geheilt? Theo (Jürgen Vogel)
Geheilt? Theo (Jürgen Vogel)

Der Maßregelvollzug ist in Deutschland in § 63 und § 64 des StGB (Strafgesetzbuch) geregelt: Danach können Straftäter, die aufgrund psychischer Erkrankung oder Suchtleiden als schuldunfähig oder zumindest als vermindert schuldfähig gelten, in den Maßregelvollzug eingewiesen werden, wenn davon auszugehen ist, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung weitere Straftaten begehen werden. Die entsprechende Feststellung trifft das Gericht im Rahmen der Hauptverhandlung.

Die Unterbringung suchtkranker Straftäter in einer Entziehungsanstalt (§ 64 StGB) ist auf maximal zwei Jahre begrenzt, eine Unterbringung aufgrund psychischer Erkrankung (§ 63 StGB) ist zunächst unbefristet, bedarf aber einer regelmäßigen gerichtlichen Überprüfung.

Ziel des Maßregelvollzuges ist der gleichzeitige Schutz der Öffentlichkeit wie auch die Therapie des Betroffenen. Es gilt der gesetzliche Auftrag der "Sicherung und Besserung". Die Unterbringung erfolgt in der Regel in geschlossenen Fachkrankenhäusern. Der statistische Durchschnitt der Unterbringungszeit für psychisch kranke Gewalttäter liegt derzeit bei etwa sieben Jahren.



Wie war Ihre Reaktion, als Matthias Glasner Sie zum ersten Mal mit der Idee konfrontierte, die Geschichte eines Vergewaltigers zu erzählen?

Wir sind beide auf der Suche nach Stoffen und Figuren, die mit Abgründen des Menschseins, mit existentiellen Fragen zu tun haben. Mit Leben und Tod und der Sehnsucht nach beidem. Manchmal kreisen unsere Gespräche um solche Phantasien, um das, was tief in uns verborgen liegt und dann doch mit aller Gewalt an die Oberfläche drängt. Als wir uns dem "Freien Willen" näherten, lag uns nichts ferner als ein Film über einen Menschen, der schlimme Dinge tut. Wir wollten nicht schocken, sondern erkunden, welche Tragödien sich hinter der scheinbaren Normalität unseres Lebens abspielen können.

Wie haben Sie sich Ihrer Figur genähert? Gab es Gespräche mit Männern, die vergewaltigt haben?

Wir sprachen vor allem mit Psychologen und Psychiatern. Wir waren z.B. in der Geschlossenen Abteilung des Berliner Maßregelvollzugs und haben uns mit Tätern unterhalten. Ich habe drei Männer getroffen, die mir aus ihrem Leben und von ihren Gefühlen erzählten. Einiges aus ihren Berichten ist dann, wenn auch nicht direkt, in meine Figur eingeflossen.

Der Film hat zwei sehr harte Vergewaltigungsszenen. Was bedeutete es für Sie, sich darauf einzulassen?

Als wir am Drehbuch arbeiteten, wurde uns klar, dass wir nicht darum herum kommen. Wenn es um die inneren Kämpfe eines Mannes geht, der Frauen vergewaltigt und davon nicht loskommt, kann man die Tat nicht einfach nur behaupten. Niemand sollte sich leicht mit diesem Theo identifizieren können; die Nähe zu dieser Figur sollte nicht von vornherein gegeben sein. Jeder sollte sehen, was er getan hatte, aber die Zuschauer sollen trotz seines Verbrechens Zeit mit ihm verbringen und dabei entdecken, was ein solcher innerer Zwang aus einem Menschen macht. Jeder muss seinen eigenen Weg zu diesem Theo finden. Oder auch nicht finden: Tatsache ist ja, dass er ein Täter bleibt. Hätten wir einen ganzen Film lang nur gezeigt, wie jemand an seinen inneren Zwängen leidet, wäre daraus schnell eine Mitleid heischende Opfergeschichte geworden. Das wollten wir nun überhaupt nicht. Auch deshalb hätte ich den Film ohne die Vergewaltigungsszenen als verharmlosend und unehrlich empfunden.

Konnten Sie sich mit Theo von einem gewissen Punkt an dentifizieren?

Ja, ich denke, sein Grunderlebnis ist das der Einsamkeit und der Isolation. Viele Menschen kennen das, und hier kann ich in die Figur einsteigen.

Plädiert der Film dafür, Menschen, die eine solche Veranlagung haben wir Theo Stoehr, wegzusperren?

Der Film plädiert für gar nichts. Wir erzählen die Geschichte eines Menschen, die man auf keinen Fall verallgemeinern soll. Gerade aufgrund der langwierigen Recherche ist mir bewusst geworden, dass es nicht den einen Täter und auch nicht das eine Pauschalurteil darüber gibt. Wir müssen uns mit dem Problem auseinandersetzen. Das ist unsere Aufgabe als Gesellschaft. Wir müssen so etwas wie den Maßregelvollzug zur Verfügung stellen, das ist wichtig. Wir erfahren über die Boulevardpresse nur das, was nicht funktioniert hat. Wir erfahren nie, wo es funktioniert hat. Damit will ich nichts analisieren. Es gibt jedes Jahr ungefähr die gleiche Zahl an Sexualmorden in Deutschland, das sind um die zwanzig. Jeder dieser Morde ist einer zuviel, so wie jede Vergewaltigung eine zuviel ist. Das alles dürfte nicht sein. Es ist aber so. Und wir setzen uns damit auseinander. Es würde sich ja nichts daran ändern, wenn wir keine Filme darüber machen. So wie sich nichts daran ändert, wenn wir Filme darüber machen. Aber beschäftigen müssen wir uns damit, und zwar auf einer anderen Ebene als nur über eine Boulevardschlagzeile, die den in unserer Gesellschaft herrschenden Voyeurismus schamlos bedient. Deshalb auch unsere Entscheidung, keinen spekulativen Thriller zu drehen, sondern die Möglichkeit zu eröffnen, Zeit mit einer zerrissenen Figur zu verbringen.



Interview: Jürgen Vogel  

► Cast, Crew► Trailer► Filmplakat► Foto-Galerie

  Ebenfalls im Kino


Zeitgleich mit dem Film "Der Freie Wille" in der Regie von Matthias Glasner liefen am 24.08.2006 in Deutschland im Kino auch die folgenden Spielfilme an:

Monster House
Animation, USA, 2006

Miami Vice
Action-Thriller, USA, 2006

Die Könige der Nutzholzgewinnung
Komödie, Deutschland, 2006



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