Bei "Jede Sekunde zählt - The Guardian" hatten es die Filmemacher mit einer ungewöhnlichen Situation zu tun. Einerseits kämpften sie in der Produktion gegen die katastrophalen Auswirkungen von echten Hurrikanen und Sturmfluten, die zur Drehzeit gerade in den USA wüteten, um dann vor der Kamera genau diese möglichst realistisch darzustellen. Nachdem Regisseur Andrew Davis das fertige Drehbuch gelesen hatte, wurde ihm klar, dass er es mit einer Herausforderung zu tun haben würde, wie sie selten zuvor ein Filmteam zu bewältigen hatte: Wie baut man ein Filmset in einer so wenig für Dreharbeiten geeigneten Umgebung wie der lebensgefährlichen Beringsee? "Ich machte mir ernsthafte Gedanken darüber, wie es uns gelingen könnte, die Beringsee zu simulieren und gleichzeitig den Ozean möglichst real als integralen Bestand der Handlung, ja als Charakter des Filmes einzubauen. Das war die große Frage", fasst Davis das Problem zusammen.
Um diese Schwierigkeiten zu lösen, wandte sich der Regisseur an zwei seiner langjährigen Mitarbeiter: Bühnenbildner Maher Ahmad und Visual Effects Supervisor William Mesa. Ahmad zeichnete schließlich verantwortlich für die einzigartigen Sets, an denen die Handlung von "The Guardian" über, im und unter Wasser spielt, sowie für das Design des revolutionären Wellensimulators, eines gigantischen Wassertanks, der sowohl in seinen Ausmaßen als auch durch seine technische Komplexität beispiellos in der Geschichte Hollywoods ist. William Mesa entwickelte mit seinem Team innovative neue Computer-Techniken, die die realistisch scheinenden CGI-Bilder von Stürmen und Wellen auf die Leinwand zaubern. "William und Maher waren die Schlüsselfiguren, eine täuschend echte Welt aus Wasser zu erschaffen", stellt Davis klar. "Wir sahen uns zahllose Stunden von Doku-Material über die heftigsten Stürme und die gewagtesten Rettungsaktionen an, und erstaunlicherweise waren sie in der Lage, etwas ebenso Machtvolles für 'The Guardian' zu simulieren."
Alle Kulissen und Designs wurden auf das wichtigste Set der ganzen Produktion ausgerichtet: den Tank. Ein riesiger, in der Filmgeschichte einzigartiger Wellensimulator diente als virtueller Ozean für die spannendsten und gefährlichsten Sequenzen des Films. Die Konstruktion dieses Wassertanks alleine erwies sich bereits als echtes Abenteuer. "Ich war an einer ganzen Reihe großer Filme mit bombastischen Sets beteiligt", erzählt der ausführende Produzent Peter Macgregor-Scott, "aber dieses Ding ist einmalig und absolut spektakulär. Meines Wissens gibt es nichts Vergleichbares auf der Welt."
Der Bau des riesigen Tanks hatte gerade begonnen, als ein echter Monstersturm die Dreharbeiten komplett über den Haufen warf. Denn eigentlich sollte "The Guardian" 2005 in New Orleans gedreht werden. Dann jedoch verwüsten Hurrikan Katrina und die katastrophale Flut weite Teile der Metropole und des gesamten Küstenstrichs. Zum Glück wurde niemand von der Crew in dem schrecklichen Orkan verletzt, doch die Produktion musste komplett nach Shreveport in Louisiana verlegt werden und Maher Ahmads Team noch einmal mit dem Bau des Wellensimulators beginnen. "Trotz der logistischen Probleme, die der Umzug mit sich brachte, erwies sich Shreveport dennoch als Glücksfall für den Film", meinte Produzent Tripp Vinson, "denn nach den Zerstörungen, die Katrina im Süden anrichtete, hätten wir an keinem Ort bessere Bedingungen vorfinden können."
Für Maher Ahmad war es dennoch ein echtes Problem, den Wassertank termingerecht fertigzustellen, musste sein Team aus Ingenieuren, Hydrodynamik-Technikern und Konstrukteuren doch erst einmal die Schäden reparieren, die Katrina an den bereits im Bau befindlichen Sets angerichtet hatte. "Unter großem Zeitdruck mussten wir neue Mitarbeiter und neue Lieferanten finden sowie mit der Locationsuche von vorne beginnen. Beim Bau des Wellensimulators waren wir gezwungen, noch einmal bei null anzufangen", stellte Maher Ahmad fest. "Am Ende jedoch wurden alle Sets besser, als wir es zu hoffen gewagt hatten – dank des Könnens und des Ehrgeizes unserer zahlreichen Mitarbeiter und Helfer."
Die Basis des Wellensimulators war ein in acht Kammern geteiltes, 30 x 25 Meter großes Beton-Bassin, das insgesamt mehr als 2,8 Millionen Liter Wasser fassen konnte. Dieser Tank stand vor einem knapp 16 Meter hohen Blue Screen, mit dessen Hilfe später die Hintergrundbilder des Ozeans am Computer eingearbeitet wurden. Um ein Maximum an technischer Sicherheit und Authentizität zu gewährleisten, scharte Ahmad eine ganze Palette von Spezialisten um sich, angefangen von Geologen und Tiefbauingenieuren über Baustatiker und Maschinenbau-Fachleute bis hin zu Elektrotechnikern. Doch das wahre Problem stellte sich erst, als der Bau des Tanks bereits beinahe abgeschlossen war: Wie bekam man nun die drei bis sechs Meter hohen Wellen hinein, die wie im Ozean Schaumkronen und weiße Wellenberge haben sollten?
Um die ultimative Wellenmaschine zu konstruieren, suchte Ahmad Hilfe bei der New Yorker Firma ADC - Aquatic Development Company. Diese kreierte ein völlig neues, innovatives Turbinensystem, das von drei 150 PS starken Motoren gespeist wurde. Dieses System baut genügend Luftdruck auf, um nicht nur meterhohe Sturmwellen, sondern auch den für einen Ozeansturm typischen schweren Seegang zu simulieren. Dies geschah mit einem kleinen Trick: Durch die besondere Konstruktion des Tanks und den gesteuerten Einsatz der Turbinen krachte die Wucht der Wellen nicht einfach gegen die Wände des Beckens, sondern wurde zurück ins Wasser geleitet. Dadurch war es möglich, nicht nur einzelne hohe Wellen zu simulieren, sondern sogar die typische schwere Dünung des Meeres in einem Hurrikan.
"Die Leute von ADC sind Spezialisten auf ihrem Gebiet. Sie haben schon zahlreiche Wellentanks für Vergnügungsparks entwickelt. Dennoch betraten auch sie mit den Anforderungen, die wir an den Simulator stellten, absolutes Neuland", erinnert sich Maher Ahmad. "Aber als wir den ersten Testlauf starteten und sahen, wie die Wellen ihre Kraft entfalteten, waren wir alle mehr als glücklich. Das sah wirklich wie ein wütender Sturm in der Beringsee aus – und die Wellen waren tatsächlich stark genug, um einige von unseren hartgesottenen Stuntleuten seekrank zu machen."
Der Wassertank übertraf tatsächlich jedermanns Erwartungen. Andre Davis notierte: "Es war aufregend zu sehen, dass sogar ein echter Seerettungsveteran wie Robert Watson ein bisschen Gänsehaut bekam, als er den Simulator in Aktion sah. Beeindruckend war auch, dass wir die Wellen exakt einstellen, sozusagen feintunen konnten – wir waren in der Lage, rollende oder brechende Wellen auszulösen, Wellen mit verschiedenen Höhen und sogar unterschiedlicher Frequenz. Der Simulator erzeugt für jede Szene genau die Wellen, die wir brauchten, es war einfach perfekt."