Woher bekamen Sie die Idee zu diesem Film?
Es begann alles mit dem schlichten Wunsch, diesen Mann zu beobachten, der vollkommen unfähig ist, die leiseste Emotion auszudrücken oder zu bemerken, in einem Moment seines Lebens, als er furchtbar verletzlich ist. Mit 50 Jahren sieht Jean-Claude seine letzte Chance, eine sinnvolle Beziehung aufzubauen. Wie einige andere Charaktere im Film hat er eine Wahl zu treffen, die seine ganze Zukunft entscheidet. Es ist eine Wahl, die zu Glück, Bitterkeit und Bedauern führt. Währen ich die Figuren mit diesem Dilemma konfrontiere, beobachte ich die unsichtbaren Gründe, die sie dazu verleiten, auf die eine oder andere Weise zu handeln und enthülle das Paradoxe von Entscheidungen, die manchmal jemandes tiefsten Sehnsüchten widersprechen. Es gibt Charaktere mit unterschiedlichen Lebensjahren, die nie gelernt habe zu lieben oder geliebt zu werden - oft trifft beides zu. Das ist der Kernpunkt des Films und erklärt den Titel, der eine Art Absichtserklärung mit gegenteiliger Bedeutung ist. Als Ergebnis all ihrer Unzulänglichkeiten und Traumata vermasseln die Figuren ihre Beziehungen, leiden und sind am Ende ihres Lebens gebeugt vom Bedauern. Und oft braucht es nicht viel, um all das zu entriegeln - ein Wort, eine Geste, ein Bisschen Mut. Was sich meine Charaktere fragen, ihre Begierden, ihre Triebe, Phantasien, Schmerz und geistigen Blockaden sind universell und wurzeln in einer Wirklichkeit und einem Alltag, den wir "gewöhnlich" nennen könnten. Doch ich bin immer überrascht und erfreut festzustellen, dass wenn man den Alltag beobachtet, es nicht nur die Grausamkeit ist, die sich entwickelt, sondern ebenso Humor und Poesie. Ein Bisschen wie in einem Lied von Alain Souchon oder Benabar.
Könnten Sie die Hauptcharaktere etwas näher beschreiben?
Jean-Claude ist ein Mann in den frühen 50ern, sehr einsam, sehr steif, müde, mit einem schwierigen Job, der ihm keinen Raum gibt, Regungen zu zeigen. Die Beziehung zu seinem Sohn ist höflich aber distanziert, und die zu seinem Vater schlicht schmerzhaft. Doch wenn wir Jean-Claude zum ersten Mal begegnen, bekommt sein Panzer unmerkliche Risse. Am einen oder anderen Punkt in seinem eintönigen Tag öffnet Jean-Claude immer sein Bürofenster, blickt zur gegenüberliegenden Tanzschule und lauscht den Tangoklängen. Wäre es ein paar Jahre früher, hätte Jean-Claude die Musik vermutlich nicht an sich herangelassen, doch er ist in einer verletzlichen Phase, wo alles passieren kann. Jean-claude findet sich mit Gefühlen konfrontiert, mit denen er zuvor nie zu tun hatte. Das ist, wenn Komödie auf dem Schirm ausbrechen kann, weil ich meine Figur in eine Situation bringe, für die er überhaupt nicht geschaffen ist.
Françoise ist in meinen Augen eine Frau, die anderen immer leichter helfen kann als sich selbst. Es ist ein Charakterzug, veranschaulicht durch ihren Job als Berufsberaterin an der örtlichen Schule und durch die Beziehung zu ihrem Verlobten, dem sie ihre ganze Zeit widmet. Ihre eigenen Wünsche stellt sie immer zurück; das kennzeichnet sie. Gleichzeitig erscheint sie nach außen, als wisse sie genau was sie will. Sie sieht sich gefangen zwischen dem was fühlbar ist - die bevorstehende Hochzeit; die Mutter glücklich zu machen; die weisen Worte der Schwester - und den plötzlichen, intensiven Gefühlen, die sie beim Zusammentreffen mit Jean-Cleaude erfährt. Es wäre einfacher für die beiden, zu versagen, doch das hätte mich gestört. Ohne zu optimistisch zu sein, wollte ich meinen Figuren die Möglichkeit geben, aus ihren Fesseln auszubrechen. Es ist immer bewegend zu sehen, dass wir auch im fortgeschrittenen Alter immer die Kinder unserer Eltern bleiben. Im Alter von 50, im respektablen Anzug eines Vollstreckers richterlicher Entscheidungen, ist Jean-Claude immer noch durch schreckliche Kindheitserinnerungen belastet.
Wie haben sich die Darsteller auf die Tango-Szenen vorbereitet?
Vor Drehstart beherrschten weder Patrick noch Anne einen einzigen Tangoschritt. In so einem Fall hilft kein Zauberstab, man muss einen Kursus machen. Tango ist nichts, was man in drei leichten Stunden lernen kann. So nahmen Patrick und Anne ein paar Monate bevor wir drehten Privatstunden an mehreren Tagen die Woche. Ich wollte, dass sie ein paar Grundschritte beherrschten, sodass ihre gemeinsamen Tanzszenen Emotionen wecken konnten. Claudia Rosenblatt, ihre Tanzlehrerin, stellte sicher, dass sie den Tanzszenen eine gewisse Präsenz und Spontaneität geben konnten, und sie bestätigte: Jenseits aller technischer Betrachtungen passierte durchaus etwas, wenn Patrick und Anne in ihren Armen waren.
Wie sind sie an die Musik herangegangen?
Die erste Frage ist: Warum Tango? Ich wollte die Rolle des Jean-Claude mit etwas konfrontieren, das ihn verwirrt, bewegt, seine Grundfesten erschüttert, ohne dass er weiß warum. Ich dachte, Tango lernen würde am besten dazu passen. Es ist sehr sinnlich und andererseits nicht zu unheimlich für jemand, der nicht völlig eins ist mit Körper und Gefühlen. Außerdem weckt Tango eine bestimmte Melancholie, die gut mit der Figur mitschwingt. Als ich meine Entscheidung getroffen hatte, tauchte ich in eine Welt, von der ich überhaupt nichts wusste. Erst musste ich herausfinden, welche Musik sie im Tangounterricht spielen, und hörte unter der Leitung einiger Tango-Kenner Platten ohne Ende. Nach und nach fand ich dann jedes Stück. Einige wurden aufgeführt von Carlos Di Sarli, eines von Horacio Salgan. Als nächstes hatte ich einen Komponisten für die Filmmusik zu finden. Das Glück hatte seine Hand im Spiel. Lange Zeit vor dem Dreh traf ich Eduardo Makaroff und Christoph H. Müller, zwei der drei Gründer des Gotan-Projekts. Sie lasen den Skript, mochten ihn, und wir trafen uns zu einem Gespräch. Ich mochte ihr Gefühl für Melodie und bat sie, es einfach zu machen - ein wiedererkennbares Thema, das an verschiedenen Stellen im Film mit unterschiedlichen Arrangements wiederkehrt. Anders als normalerweise wurde die Musik vor Drehbeginn komponiert, weil wir mindestens ein Stück für die Szene brauchen, wenn Patrick und Anne zusammen tanzen. Für mich ist das Ergebnis schlicht zauberhaft, unkompliziert und sehr bewegend.
Würden Sie zustimmen, dass das Drehen ihres zweiten Films schwerer war als der erste?
Es ist fast ein Gesetz in diesem Geschäft, dass der zweite Film komplizierter ist als der erste. Nicht unbedingt, was die Finanzierung angeht, mehr vom künstlerischen Standpunkt her. Ich war keine Ausnahme von der Regel und hatte lange Perioden des Zweifels, befor ich mich ans Schreiben machte. Das Problem war nicht, einen Film zu schreiben, sondern eine Geschichte, die ich wirklich erzählen wollte. Am Ende, trotz aller Beschränkungen, denen jedes Projekt unterliegt, machte ich den Film, den ich wollte. Nun, anders als nach meinem ersten Film, als ich nicht wusste, was ich danach machen sollte, habe ich keinen Mangel an Ideen. Ich muss nur auf den zeigen, mit dem ich zwei Jahre meines Lebens verbringen möchte.