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Man muss mich nicht lieben

Frankreich, 2005
Tragikomödie, 93 Minuten, FSK: 0

Originaltitel
Je ne suis pas là pour être aimé

Kino-Start
20.07.2006

Regie
Stéphane Brizé

Darsteller
Patrick Chesnais (Jean-Claude Delsart), Anne Consigny (Françoise "Fanfan" Rubion), Georges Wilson (M. Delsart, Vater von Jean-Claude), Lionel Abelanski (Thierry), Cyril Couton (Jean-Yves Delsart, Sohn von Jean-Claude), Geneviève Mnich (Mme Rubion, Mutter von Françoise), Hélène Alexandridis (Schwester von Françoise), Anne Benoît (Hélène, Sekretärin von Jean-Claude
Man muss mich nicht lieben - Kinoplakat
Der Tango - kaum ein anderer Tanz ist öfter Sujet in Filmen, bei denen es um Leidenschaft, Melancholie oder Schicksal geht. In seinem zweiten Spielfilm nutzt in Stéphane Brizé als Katalysator für die Verbindung zwischen einem sehr ungleichen Paar.

Als Gerichtsvollzieher hat man ohnehin dein allzu fröhliches Leben. Wenn Jean-Claude Delsart (Patrick Chesnais) Schuldner pfändet oder gar ihre Wohnungen räumt, braucht er ein dickes Fell. Um ihren abgehärteten Chef überhaupt ertragen zu können, tröstet sich seine Sekretärin Hélène (Anne Benoît) mit ihrem Dackel Michel. Nach der Scheidung von seiner Frau ist auch das Privatleben des mittlerweile über 50-jährigen trist geworden. Sohn Jean-Yves (Cyril Couton) unterstützt ihn zwar nun bei seinem harten Geschäft, ist davon aber auch nicht gerade begeistert - immerhin bringt er einige Pflanzen mit, um das karge Büro etwas zu beleben.. Und auch die sonntäglichen Besuche seines bärbeißigen Vaters (Georges Wilson) im Seniorenheim, von dem er sein Büro geerbt hatte, enden nach einigen Runden Monopoly meist im Streit.

Beim Besuch seines Arztes (Stefan Wojtowicz) rät dieser Jean-Claude wegen Herz-Insuffizienz zu mehr Bewegung. Da trifft es sich, dass gegenüber seinem Büro eine Tanzschule liegt. Schon öfter hat er vom Fenster aus wehmütig hinübergeblickt und den Klängen gelauscht. Er rafft sich auf zu einer Probestunde und trifft dort Françoise Rubion (Anne Consigny), genannt "Fanfan". Eigentlich eine alte Bekannte, erinnert sie ihn: Seine Mutter war ihr Kindermädchen. Ganz allmählich beginnt die junge Dame sein Herz zu schmelzen, das bisher gegen Emotionen so abgeschottet war, und auch Francoise scheint ihm gegenüber durchaus angetan, ist sie doch froh, dass er als neuer Tanzpartner die aufdringlichen Annäherungsversuche eines anderen Teilnehmers (Olivier Claverie) verhindert.

Doch dann erfährt Jean-Claude, dass Francois bereits einem anderen versprochen ist. Denn eigentlich hätte Thierry (Lionel Abelanski) sie zum Tanzkurs begleiten sollen, doch der Lehrer und verhinderte Schriftsteller hat sich während der Sommerferien zuhause eingegraben, um endlich seinen Roman fertigzustellen. Und so kommt sich das ungleiche Paar auf der Tanzfläche immer näher, und Francois beginnt an der bevorstehenden Hochzeit zu zweifeln, auch, da Thierrys Interesse an ihr sehr zu schwanken scheint. Doch ihre Mutter (Geneviève Mnich) hat sich bereits in die Planung der Feier, in Brautkleid und Tischordnung verbissen, und sieht den Wankelmut der Tochter ebenso entsetzt wie die Schwester (Hélène Alexandridis).



Film-Inhalt  


Au Backe: Gerichtsvollzieher Jean-Claude Delsart (Patrick Chesnais) mit ernster Miene
Au Backe: Gerichtsvollzieher Jean-Claude Delsart (Patrick Chesnais) mit ernster Miene


  Film-Kritik


Kehrt Thierry (Lionel Abelanski) den Rücken: Françoise Rubion (Anne Consigny)
Kehrt Thierry (Lionel Abelanski) den Rücken: Françoise Rubion (Anne Consigny)

Mit sparsamen, aber effektiven Mitteln erzählt Brizé einen Film über eine Liebe zwischen ungleichen Menschen, die es zeitweise schaffen, mit Tanzen die Hürde zwischen sich zu überwinden. Dabei lebt die Geschichte von den Darstellern und der Chemie zwischen ihnen, und die Story gibt den Darstellern viel Raum zur Entfaltung, den sie mitreißend nutzen.

Patrick Chesnais spielt seine Rolle als verbrämter, Hoffnung schöpfender Mann minimalistisch und schafft damit einen überzeugenden Kontrast zur quirligen Darstellung Fanfans durch Anne Consigny. Beider Hintergründe werden sorgfältig und mit subtilem Humor geschildert: Die Reibereien in den 3 Generationen der Delsart-Männer, und die 3-Frauen-Konstellation in der Familie von Françoise und die Erwartungen an die junge Frau.

Die Handlung ist überschaubar und die Dialoge zurückhaltend, um so besser kann der Zuschauer die Entwicklung der Leidenschaft verfolgen und die Emotionen mitempfinden, die natürlich durch den Tango unterstützt werden. Der Film hält mit typisch französischer Eleganz die Balance zwischen humorvollen Szenen, melancholischen Momenten und dramatischen Höhepunkten.

Das Werk erhielt 2005 den Preis des CEC (Círculo de Escritores Cinematográficos) für den besten Film beim Festival Internacional de Cine de Donostia von San Sebastián.



Woher bekamen Sie die Idee zu diesem Film?

Es begann alles mit dem schlichten Wunsch, diesen Mann zu beobachten, der vollkommen unfähig ist, die leiseste Emotion auszudrücken oder zu bemerken, in einem Moment seines Lebens, als er furchtbar verletzlich ist. Mit 50 Jahren sieht Jean-Claude seine letzte Chance, eine sinnvolle Beziehung aufzubauen. Wie einige andere Charaktere im Film hat er eine Wahl zu treffen, die seine ganze Zukunft entscheidet. Es ist eine Wahl, die zu Glück, Bitterkeit und Bedauern führt. Währen ich die Figuren mit diesem Dilemma konfrontiere, beobachte ich die unsichtbaren Gründe, die sie dazu verleiten, auf die eine oder andere Weise zu handeln und enthülle das Paradoxe von Entscheidungen, die manchmal jemandes tiefsten Sehnsüchten widersprechen. Es gibt Charaktere mit unterschiedlichen Lebensjahren, die nie gelernt habe zu lieben oder geliebt zu werden - oft trifft beides zu. Das ist der Kernpunkt des Films und erklärt den Titel, der eine Art Absichtserklärung mit gegenteiliger Bedeutung ist. Als Ergebnis all ihrer Unzulänglichkeiten und Traumata vermasseln die Figuren ihre Beziehungen, leiden und sind am Ende ihres Lebens gebeugt vom Bedauern. Und oft braucht es nicht viel, um all das zu entriegeln - ein Wort, eine Geste, ein Bisschen Mut. Was sich meine Charaktere fragen, ihre Begierden, ihre Triebe, Phantasien, Schmerz und geistigen Blockaden sind universell und wurzeln in einer Wirklichkeit und einem Alltag, den wir "gewöhnlich" nennen könnten. Doch ich bin immer überrascht und erfreut festzustellen, dass wenn man den Alltag beobachtet, es nicht nur die Grausamkeit ist, die sich entwickelt, sondern ebenso Humor und Poesie. Ein Bisschen wie in einem Lied von Alain Souchon oder Benabar.

Könnten Sie die Hauptcharaktere etwas näher beschreiben?

Jean-Claude ist ein Mann in den frühen 50ern, sehr einsam, sehr steif, müde, mit einem schwierigen Job, der ihm keinen Raum gibt, Regungen zu zeigen. Die Beziehung zu seinem Sohn ist höflich aber distanziert, und die zu seinem Vater schlicht schmerzhaft. Doch wenn wir Jean-Claude zum ersten Mal begegnen, bekommt sein Panzer unmerkliche Risse. Am einen oder anderen Punkt in seinem eintönigen Tag öffnet Jean-Claude immer sein Bürofenster, blickt zur gegenüberliegenden Tanzschule und lauscht den Tangoklängen. Wäre es ein paar Jahre früher, hätte Jean-Claude die Musik vermutlich nicht an sich herangelassen, doch er ist in einer verletzlichen Phase, wo alles passieren kann. Jean-claude findet sich mit Gefühlen konfrontiert, mit denen er zuvor nie zu tun hatte. Das ist, wenn Komödie auf dem Schirm ausbrechen kann, weil ich meine Figur in eine Situation bringe, für die er überhaupt nicht geschaffen ist.

Françoise ist in meinen Augen eine Frau, die anderen immer leichter helfen kann als sich selbst. Es ist ein Charakterzug, veranschaulicht durch ihren Job als Berufsberaterin an der örtlichen Schule und durch die Beziehung zu ihrem Verlobten, dem sie ihre ganze Zeit widmet. Ihre eigenen Wünsche stellt sie immer zurück; das kennzeichnet sie. Gleichzeitig erscheint sie nach außen, als wisse sie genau was sie will. Sie sieht sich gefangen zwischen dem was fühlbar ist - die bevorstehende Hochzeit; die Mutter glücklich zu machen; die weisen Worte der Schwester - und den plötzlichen, intensiven Gefühlen, die sie beim Zusammentreffen mit Jean-Cleaude erfährt. Es wäre einfacher für die beiden, zu versagen, doch das hätte mich gestört. Ohne zu optimistisch zu sein, wollte ich meinen Figuren die Möglichkeit geben, aus ihren Fesseln auszubrechen. Es ist immer bewegend zu sehen, dass wir auch im fortgeschrittenen Alter immer die Kinder unserer Eltern bleiben. Im Alter von 50, im respektablen Anzug eines Vollstreckers richterlicher Entscheidungen, ist Jean-Claude immer noch durch schreckliche Kindheitserinnerungen belastet.

Wie haben sich die Darsteller auf die Tango-Szenen vorbereitet?

Vor Drehstart beherrschten weder Patrick noch Anne einen einzigen Tangoschritt. In so einem Fall hilft kein Zauberstab, man muss einen Kursus machen. Tango ist nichts, was man in drei leichten Stunden lernen kann. So nahmen Patrick und Anne ein paar Monate bevor wir drehten Privatstunden an mehreren Tagen die Woche. Ich wollte, dass sie ein paar Grundschritte beherrschten, sodass ihre gemeinsamen Tanzszenen Emotionen wecken konnten. Claudia Rosenblatt, ihre Tanzlehrerin, stellte sicher, dass sie den Tanzszenen eine gewisse Präsenz und Spontaneität geben konnten, und sie bestätigte: Jenseits aller technischer Betrachtungen passierte durchaus etwas, wenn Patrick und Anne in ihren Armen waren.

Wie sind sie an die Musik herangegangen?

Die erste Frage ist: Warum Tango? Ich wollte die Rolle des Jean-Claude mit etwas konfrontieren, das ihn verwirrt, bewegt, seine Grundfesten erschüttert, ohne dass er weiß warum. Ich dachte, Tango lernen würde am besten dazu passen. Es ist sehr sinnlich und andererseits nicht zu unheimlich für jemand, der nicht völlig eins ist mit Körper und Gefühlen. Außerdem weckt Tango eine bestimmte Melancholie, die gut mit der Figur mitschwingt. Als ich meine Entscheidung getroffen hatte, tauchte ich in eine Welt, von der ich überhaupt nichts wusste. Erst musste ich herausfinden, welche Musik sie im Tangounterricht spielen, und hörte unter der Leitung einiger Tango-Kenner Platten ohne Ende. Nach und nach fand ich dann jedes Stück. Einige wurden aufgeführt von Carlos Di Sarli, eines von Horacio Salgan. Als nächstes hatte ich einen Komponisten für die Filmmusik zu finden. Das Glück hatte seine Hand im Spiel. Lange Zeit vor dem Dreh traf ich Eduardo Makaroff und Christoph H. Müller, zwei der drei Gründer des Gotan-Projekts. Sie lasen den Skript, mochten ihn, und wir trafen uns zu einem Gespräch. Ich mochte ihr Gefühl für Melodie und bat sie, es einfach zu machen - ein wiedererkennbares Thema, das an verschiedenen Stellen im Film mit unterschiedlichen Arrangements wiederkehrt. Anders als normalerweise wurde die Musik vor Drehbeginn komponiert, weil wir mindestens ein Stück für die Szene brauchen, wenn Patrick und Anne zusammen tanzen. Für mich ist das Ergebnis schlicht zauberhaft, unkompliziert und sehr bewegend.

Würden Sie zustimmen, dass das Drehen ihres zweiten Films schwerer war als der erste?

Es ist fast ein Gesetz in diesem Geschäft, dass der zweite Film komplizierter ist als der erste. Nicht unbedingt, was die Finanzierung angeht, mehr vom künstlerischen Standpunkt her. Ich war keine Ausnahme von der Regel und hatte lange Perioden des Zweifels, befor ich mich ans Schreiben machte. Das Problem war nicht, einen Film zu schreiben, sondern eine Geschichte, die ich wirklich erzählen wollte. Am Ende, trotz aller Beschränkungen, denen jedes Projekt unterliegt, machte ich den Film, den ich wollte. Nun, anders als nach meinem ersten Film, als ich nicht wusste, was ich danach machen sollte, habe ich keinen Mangel an Ideen. Ich muss nur auf den zeigen, mit dem ich zwei Jahre meines Lebens verbringen möchte.



Interview mit Stéphane Brizé  


Wandel durch Annäherung: Françoise und Jean-Claude beim Tango
Wandel durch Annäherung: Françoise und Jean-Claude beim Tango
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  Ebenfalls im Kino


Zeitgleich mit dem Film "Man muss mich nicht lieben" in der Regie von Stéphane Brizé liefen am 20.07.2006 in Deutschland im Kino auch die folgenden Spielfilme an:

Vinzent
Mystery-Drama, Deutschland, 2004

Hui Buh - Das Schlossgespenst
Grusel-Komödie, Deutschland, Tschechien, 2005

Geheime Staatsaffären
Thriller-Drama, Frankreich, 2006

Battle in Heaven
Drama, Mexiko, Belgien, Frankreich, Deutschland, 2005



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