Es ist April 2005. In den Gesichtern der Produktions- und Aufnahmeleiter zeigt sich immer häufiger Unruhe, wenn nicht gar Panik. Noch ist es kalt, aber ein Blick aufs Thermometer und durch die Fenster nach draußen macht unweigerlich klar, dass die Schneeschmelze eingesetzt hat, und es absehbar ist, dass die weiße Pracht, wegen der das Team von "Snow Cake" überhaupt nach Wawa gekommen ist, bald dahin sein wird. Bei einer Krisensitzung spricht schließlich Alan Rickman, der die Rolle des Alex spielt, den befreienden Satz aus: "Aber schaut doch, letztlich geht es bei diesem Film gar nicht um Schnee. Wir haben den Schnee zwar im Titel, aber ist es nicht einfach eine Charakterstudie zwischen Menschen an diesem Ort hier, und kann man nicht das große Tauwetter als eine Allegorie dessen sehen, was den Figuren im Film widerfährt? Vielleicht wird uns hier etwas gegeben, was wir im Augenblick nur noch nicht richtig zu schätzen wissen."
Immer wieder hatte das Schicksal in der Geschichte dieser Produktion eine nicht unerhebliche Rolle gespielt, und wiederholt wurden logistische Probleme oder gar ein drohender Zusammenbruch der rationalen Planung aufgefangen durch sich zufällig ergebende Alternativen, die sich schließlich wie glückliche Fügungen für das gesamte Vorhaben erwiesen.
Das Leben im Filmbetrieb ist keine Autobahn, auf der die guten Nachrichten einander ständig überholen. Die Finanzierung des Films erwies sich als eine Aneinanderreihung von Herausforderungen und die konstante Verschiebung des Drehbeginns bedeutete auch, dass die Schneesaison in Wawa zu Ende ging. Aber solche Bedenken versuchten die Produzenten mit aller Kraft von Team und Darstellern fernzuhalten. Fichman: "Mir scheint, unsere Rolle als Produzenten besteht darin, sicherzustellen, dass der Kern des Films, das heißt das Drehbuch und die Vision des Stoffes, nicht angegriffen werden von alltäglichen Störungen, finanziellem Chaos und unvorhersehbaren Turbulenzen, die im Zusammenhang eines solchen Vorhabens zwangsläufig entstehen. Ich denke, wir müssen garantieren, dass die Künstler möglichst optimale Möglichkeiten, geistigen und emotionalen Raum bekommen, um sich so frei wie möglich zu fühlen. Denn was sie zu tun haben, ist ohnehin schon schwierig genug."
Es war Niv Fichmans Idee, in Wawa zu drehen. "Was Fargo für Fargo war, wurde Wawa für uns", sagt der Produzent über die Symbiose von Ort und Geschichte. "Im Namen Wawa steckt schon ein großer Teil dessen, was seine Mythologie ausmacht. Für mich symbolisiert der Name auf eine Art die Isolation der Figur von Linda, aber auch die durchgeknallte Fremdheit, auf die Alex dort stößt. Es gibt in Wawa auch so eine Art Wappentier, eine kanadische Schneegans, die sich gerade in die Lüfte schwingt. Dieses Wappentier hat man auch als Skulptur verewigt, und die ist etwa 10 Meter hoch, was auch etwas komisch anmutet. Es lag auf der Hand, dass wir uns dieses Symbols bedienen wollten, um auch unsere Hauptfigur zu charakterisieren. In diesem Ort wird er – vielleicht – wieder fliegen lernen."
Sigourney Weaver erinnert sich: "Ich habe mir Lindas Welt immer wie eine Schneekugel voll mit sauberem Schnee vorgestellt. An Schneemangel wird in dieser Welt niemand leiden. Bei unserem Dreh war es dagegen so, dass uns wirklich nur klägliche Häufchen von Schnee zur Verfügung standen, und davon, dass der sauber war, konnte auch keine Rede sein! Wir haben uns geradezu obsessiv an die kleinen Überbleibsel von Schnee geklammert. Tatsächlich war es aber so, dass sich mit der Schneeschmelze, gegen die wir uns um jeden Preis stemmen wollten, genau das auch in der Natur ereignet hat worum es eigentlich in diesem Film geht: das Ende der ‚Eiszeit’ für die beiden Hauptfiguren." Und Rickman ergänzt: "Inzwischen bin ich sicher, dass dieser Film in gewisser Weise von unsichtbaren Kräften gelenkt worden ist."