Es gibt viel Krieg auf der Welt. Darunter haben besonders Kinder zu leiden. Würden Sie Ihren Film als einen Appell gegen den Krieg sehen?
Als wir das Projekt angefangen haben, war es der Irakkrieg, heute ist es der NaheOsten und morgen und übermorgen eine andere Krisenregion. Wir sitzen vor dem Fernseher und sind an diese Meldungen bereits gewöhnt. Selten wird von den Zivilisten, von unschuldigen Alten oder Kindern, von Frauen oder Friedfertigen
berichtet, die einfach ausradiert werden. Angriffspolitik hat immer zur Folge, dass der Krieg, egal auf welcher Seite, in den Herzen der Menschen tiefe Spuren hinterlässt.
Aber der Krieg sollte uns bei "Stilel Sehnsucht - Warchild" mehr als eine Folie dienen, vor der sich die Handlung abspielt. Die Wiederholung altbekannter Klischees und Gewaltbilder schien mir weniger interessant als eine universell verständliche und
weltweit identifizierbare Geschichte zu erzählen und dem Publikum nahe zu bringen.
In "Stille Sehnsucht" geht es um eine der schrecklichen
Auswirkungen, die Kriege hinterlassen und die oft vernachlässigt werden: das Schicksal der Waisenkinder.
Die Zahl der Waisen in Ex-Jugoslawien ist nicht richtig festzustellen. Offiziell sind es allein in Bosnien über 2.500 Kinder. Aber sie ist höher als vermutet und von diesen
Kindern ohne Eltern spricht man fast nie. In Sarajevo, wo wir drehten, hatte jeder Taxifahrer, Rezeptionist oder Fußballtrainer von "seinen Vermissten" zu berichten und sofort Tränen in den Augen. Noch heute gibt es Eltern in Ex-Jugoslawien, die ihre Kinder bei Adoptiveltern im Ausland wissen, aber keine Chance haben, ihre
Tochter oder ihren Sohn zurückzubekommen.
In Ihrem letzten Film "Ghettokids" ging es schon um Kinder, die unter schwierigen sozialen Bedingungen leben müssen. In "Stille Sehnsucht" geht es auch wieder um ein Kind, das in einer speziellen Situation aufwächst. Interessiert Sie das Thema Kinder besonders?
Kinder sind unsere Zukunft. Und da stellt sich die Frage, was wird ihnen heute an gesellschaftlichen Spannungen alles zugemutet. Als Edin Hadzimahovic, der Drehbuchautor, mir damals seine Lieblingsgeschichte erzählte, die von einem bosnischen Großvater handelt, der sein Enkelkind in London findet, aber nicht mit
nach Hause nehmen kann, war ich wie elektrisiert: Es ist die Geschichte von Verlust, Vermissen und auch wieder Zusammenkommen, aber weniger eine Geschichte über Kinder. Da geht es um Konflikte, die in Familien öfter eine Rolle spielen, als es uns bewusst ist. Trennung, Scheidung, Ortswechsel sind doch alltägliche Dinge, mit
denen heute nicht nur Kinder klarkommen müssen. Außerdem werden wir in unseren Schulen zunehmend mit multikulturellen Mischklassen konfrontiert. Da lohnt es, die Schicksale dieser Mitschüler und deren eigentlicher Heimat oder Mentalität einmal zu durchleuchten. Das trägt vielleicht zu einem besseren Verständnis bei.