Du hast mit 'Wholetrain' einen der ersten europäischen Kino-Spielfilme gedreht, die sich mit der Graffiti-Kultur auseinandersetzen...
Dass das nicht schon früher geschehen ist, liegt vor allem an einem großen Missverständnis: Graffiti sei angeblich vorbei. Das habe ich oft gehört, als ich Geldgeber und einen Verleih für meinen Film suchte. Tatsache ist, dass die Graffiti-Szene seit Mitte der 80er Jahre beständig gewachsen ist und ihre Aktivisten heute in jedem Winkel der Erde zu finden sind. Die Allgemeinheit sieht die Werke der Sprüher schlichtweg nicht, weil die Kultur in den vergangenen Jahren zunehmend in den Untergrund gedrängt wurde. Bemalte Züge werden sofort gereinigt. Graffitiwriter werden gejagt und von eigens geschaffenen Polizeiabteilungen erfasst. Dabei ist Writing eine gewachsene und gelebte Volkskultur. Ich sehe kein Ende der
Begeisterung.
War es schwierig, die richtigen Schauspieler für Dein Kino-Debüt zu finden?
Ich habe ein Jahr lang gecastet, um die richtigen Akteure zu finden. Schauspieler, die natürlich und glaubwürdig sprechen und spielen, und denen man ein Leben als Graffiti-Künstler abnimmt, deswegen habe ich auch viele Streetcastings gemacht und Anzeigen in Writer-Mags geschaltet. Dass Mike Adler, einer der Hauptdarsteller, selbst Erfahrungen als Writer gemacht hat, ist dem Film sehr zu Gute gekommen. Andere Schauspieler haben vor den Dreharbeiten Graffiti-Nachhilfe bekommen.
Du hast selber einst als Graffiti-Sprüher Deine Spuren hinterlassen?
Bevor ich 1994 in die USA ging, um an der Tisch School of The Arts der New York University Film zu studieren, war ich jahrelang mit Sprühdose und Marker in München unterwegs. Unter anderem der Film "Wild Style" hatte mich 1984 dazu gebracht: Rückblickend mag er ein paar Klischees transportieren. Aber er ist allein wegen der
beteiligten Künstler und als Zeitdokument legendär. Gleichzeitig hat er dazu beigetragen, Graffiti zur relevantesten und einflussreichsten Jugendkultur aller Zeiten zu befördern. Meine
Vorgeschichte hat mir jedenfalls geholfen, „Wholetrain“ aus der Writer-Perspektive zu erzählen.
Wie hat die Writer-Szene auf Deinen Film reagiert?
Durchweg positiv. Ich wurde mit "Wholetrain" zu mehreren Filmfestivals, unter anderem in Deutschland, Italien, Südafrika und New York eingeladen. Zu den Vorstellungen sind natürlich auch viele Writer erschienen, mit denen ich mich intensiv über den Film
ausgetauscht habe. Besonders berührt hat mich das gute Feedback der New Yorker HipHop- und Writer-Szene. Als ich HipHop-Legende KRS-One eine Privatvorführung von "Wholetrain" gab, war er so begeistert, dass er sofort versprochen hat, den Film in jeder Hinsicht zu unterstützen.
In "Wholetrain" wird ein ganzer Zug besprüht, obwohl das doch den Strafbestand der Sachbeschädigung erfüllt...
Es war mit das größte Problem, eine Genehmigung für die Dreharbeiten zu finden. Da wir bei einem Low-Budget-Film keinen Bahnhof oder Zug in einem Hollywood-Studio nachbauen konnten, haben wir Jahre lang nach möglichen Partnern gesucht. Die Bundesbahn wollte auf keinen Fall mit uns kooperieren: Aus Angst, der Film könne mögliche Nachahmer animieren, drohten die Verantwortlichen gar damit, sämtliche europäischen Verkehrsbetriebe über unser Vorhaben zu informieren und den Film so zu blockieren. Schließlich haben wir in Warschau eine Drehgenehmigung erhalten. Die dortigen Bahnbehörden waren sehr kooperativ. Manchmal hat ein vollbesetzter Zug gar ein paar Minuten länger am Bahnhof gehalten, bis wir mit den Dreharbeiten fertig waren. In der Szene gilt es als Königs-Disziplin, einen "Wholetrain" oder ganzen Zug zu besprühen.