Zu welchem Genre gehört "Zaina"?
"Zaina" ist ein Märchen, in dessen Mittelpunkt ein Kind, ein Mann und der Orient stehen. Unsere Drehbuchautorin Juliette Sales hat sich von den Erzählungen aus 1001 Nacht und den sagenhaften Berichten über die legendäre letzten Berberkönigin Kahena inspirieren lassen. "Zaina" ist aber auch ein Abenteuerfilm, der das Verhältnis zwischen den Generationen und die Suche nach eigener Identität thematisiert. Ein Bericht über eine Reise in die Tiefen der Seele. Der Film kreist um Menschen, die von starken Gefühlen angetrieben werden und es kam mir darauf an, ihre inneren Gefühlswelten auszuloten.
Wer sind Zaïna und Mustapha?
Das traurige Mädchen und der Nomade aus den Bergen scheinen zunächst nichts miteinander gemein zu haben. Mustapha versteht nichts von Kindern, weiß nicht, was Vatersein bedeutet. Er behandelt seine Pferde besser als seine Tochter. Juliette Sales hat beim Schreiben des Drehbuchs manchmal an die Situation von Kindern in der heutigen Zeit gedacht, die sich verloren und verlassen fühlen, weil ihnen ein Elternteil fehlt oder weil sie schlicht im Stich gelassen wurden. Zaïna verkörpert jene arabischen Frauen, die den Mut haben, aufzubegehren, um etwas an den Zuständen zu ändern. Mustapha besitzt nichts ... abgesehen von seiner Liebe und seiner Vertrautheit mit arabischen Vollblütern. Das ist das einzige Vermächtnis, das er seiner Tochter hinterlassen kann.
Obwohl der Film realistisch in einer Zeitebene gedreht ist, thematisiert die Geschichte ständig Gegenwart und Vergangenheit.
Mustapha und Zaïna sind zwei verlorene, gebrochene Figuren, denen die Vergangenheit wichtige Teile ihres Selbst geraubt hat. Auch Omars Position ist durch die Vergangenheit geprägt: Weil er seine Schuld an Selmas Tod an Zaïna wieder gut machen will, wird er für sie zur Bedrohung und zur tragischen Figur. Dieses Trio wäre undenkbar ohne den Bezug zu einer vierten Figur, die im Film zwar nie zu sehen ist, aber immer gegenwärtig ist: Zaïnas Mutter Selma, eine Amazone, die die ehernen Gesetze der Männerwelt angriff.
Sie legen sich in Hinblick auf die Zeit, in der "Zaina" spielt, nicht fest.
Ähnlich wie bei „Vivre au paradis“ (1999), der von algerischen Einwanderern im Frankreich der 1960er Jahre handelt, wollte ich "Zaina" nicht allzu genau zeitlich verankern. Diese Geschichte findet in der Gegenwart ein Echo. Die Themen – Vatersein, Liebe, Rivalität – sind zeitlos gültig.
Welchen Stellenwert hat die maghrebinische Kultur?
Zaïnas Annäherung an den Vater führt zwangsläufig über die Traditionen, die mit der traditionellen Pferdehaltung in dieser Region verbunden sind. Dabei entdeckt sie ihre Vergangenheit und findet zu ihren Wurzeln zurück.
Die Beziehung zwischen Zaïna und ihrem Vater ist anfänglich sehr angespannt.
Zaïna muss sich gegen ihren Vater behaupten und gleichzeitig seine Bestätigung suchen. Sie wagt sich zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes, lernt reiten und gewinnt am Ende sogar das große Rennen. Mustapha gelingt es, ihr seine Leidenschaft für Pferde zu vermitteln. So finden sie einen Weg zueinander, lernen miteinander zu sprechen.
Der Araberhengst Zingal wird zum Mittler zwischen Vater und Tochter. Er ist das Bindeglied zwischen ihnen. Pferde sind das einzige, wovon Mustapha etwas versteht und das einzige, worüber er mit seiner Tochter spricht.
Die Vermittlung von Wissen ist von zentraler Bedeutung in "Zaina"...
Die Weitergabe von Wissen ist die Grundlage jeder Erziehung. Bevor Zaïna etwas über Pferde lernt, hat sie von ihrer Muter Selma bereits deren Kräuter- und Heilbuch bekommen. Dass Zaïna, im Gegensatz zu Mustapha, Dank ihrer Mutter lesen kann, ist übrigens eine kleine feministische Fußnote.
Ist "Zaina" ein feministischer Film?
In einer archaischen und patriarchalisch strukturierten Welt, in der die Macht allein in den Händen der Männer liegt entdeckt Zaïna unter den Blicken ihres Vaters ihre eigene Weiblichkeit.. Zaïnas Mutter Selma war eine zu selbstbewusste, zu leidenschaftliche und zu starke Frau für ihre Zeit und Umgebung. Indem sie es aber riskierte, mit Männern in Wettstreit zu treten, selbst auf die Gefahr hin, deswegen verstoßen zu werden, schlug sie eine Bresche. Nur dank Selma wird es Zaïna möglich, das Rennen zu reiten, zu gewinnen und von ihrem Stamm gefeiert zu werden.
Welche Rolle spielt die Natur?
Sie spielt neben Zaïna, Mustapha, Omar (und Selma) die fünfte Hauptrolle. Landschaft ist allgegenwärtig – das Gebirge, die unermesslichen Weiten der Wüste. Sie hat viele Gesichter: Mal spröde und steinig, dann wieder lieblich und fast lauschig. Die Natur ist eine Größe, mit der man rechnen muss.
Die Filmmusik ist eine spannungsreiche Mischung zwischen epischen Klängen und folkloristisch inspirierten Melodien...
Der Filmkomponist Cyril Morin (u.a. „Samsara“, 2002, Regie: Pan Nalin) kombinierte auf einzigartige Weise traditionelle Elemente wie Berbergesänge oder arabische Laute mit symphonischen Elementen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Gnaoua-Musik, eine jahrhundertealte südmarokkanische Musik-Kultur, deren Rhythmen und Texte von afrikanischen Sklaven stammen, die vor 300 Jahren von der Goldküste nach Marokko verschleppt wurden.
An wen richtet sich der Film?
Der Film fordert ein junges Publikum auf, über den Weg eines Märchens und die Traditionen der maghrebinischen Kultur universelle Werte zu entdecken. Die wichtigste Frage des Films ist: Woher komme ich? "Zaina" verfügt über zeitlos menschliche Bezüge und fordert zum Akzeptieren der eigenen Identität auf.